Interview | Düsseldorf · Der Mediziner Dr. Hauke Duckwitz ist Vorsitzender des Düsseldorfer Kinderschutzbundes. Er hat mit Marie Bockholt von der Rheinischen Post über die gesundheitlichen Folgen von Hitze, zu warme Tage in Schulen sowie den Umgang mit den Sorgen von Kindern und Jugendlichen gesprochen.
Der Sommer in Düsseldorf war extrem heiß und das über einen ungewöhnlich langen Zeitraum. Macht sich das in Ihrem medizinischen Arbeitsalltag bemerkbar?
Hauke Duckwitz Weil wir in Gerresheim keine Akutklinik sind, habe ich die direkten Auswirkungen nicht erlebt. Andere Kinderkliniken haben aber mehr Betrieb in den Notaufnahmen vermeldet. Das ist zu erwarten, wenn es über mehrere Tage solche Verhältnisse gibt: Hitze ist gefährlich für alle Menschen. Das gilt insbesondere für jüngere Kinder und auch für Jugendliche, die vielleicht noch nicht über das Wissen oder die Möglichkeiten verfügen, sich selbst zu schützen.
Wie wirkt sich eine hohe Hitzebelastung auf junge Menschen aus?
Duckwitz Überlastungssymptome, Übelkeit oder Bewusstseinsstörungen können die Folgen sein. Betroffen sind auch Kinder mit chronischen Erkrankungen. Ein Beispiel, das ich in meinem beruflichen Alltag erlebe, ist ein erhöhtes Auftreten von Anfällen bei hitzesensiblen Epilepsieformen. Die hohen Temperaturen haben also oft akute Konsequenzen. Es gibt aber natürlich weitere Umweltbelastungen, die sich auf die Gesundheit auswirken.
Welche sind das?
Duckwitz Schadstoffe können langfristig die Lunge oder andere Organe schädigen. Außerdem können sich Mikroplastik und Feinstaub negativ auf die kognitive Entwicklung auswirken. Das sind alles Folgen, die schwerer messbar sind, und erst im Verlauf wahrgenommen werden. Ein anderes Thema sind Infektionskrankheiten: Wir müssen uns immer mehr mit Krankheiten auseinandersetzen, die vorher in unserer Klimazone kaum vorkamen. Und auch die Zeiträume für Allergien verschieben sich, werden oft länger.
Wie nähert sich der Kinderschutzbund dem Thema Klimakrise?
Duckwitz Zur diesjährigen Kampagne haben wir zum einen den Blick nach innen gerichtet und uns gefragt, wie wir unsere Arbeit noch klimafreundlicher gestalten können. Der Wassersprudler oder das Jobrad sind da ganz praktische Konsequenzen. Zum anderen wollen wir das Thema präsenter machen. Deshalb geben wir diesem bei unseren Beratungsangeboten mehr Raum und sprechen es auch proaktiv an. Dann geht es darum, zu sensibilisieren und Kompetenzen zu stärken. Ein Beispiel könnte sein, Informationen zum Verhalten in Hitzeperioden weiterzugeben.
Worauf sollten Eltern denn an besonders heißen Tagen achten?
Duckwitz Wichtig ist es natürlich, die Trinkmenge im Blick zu halten. Bewusst machen muss man sich, dass gerade jüngere Kinder häufig noch nicht so viel Durstempfinden haben. Auch sie sollten aber regelmäßig kühle oder lauwarme Getränke trinken. Das gelingt meist besser in kleinen Portionen oder sogar mit gemeinsamen Trinkpausen. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt man mit wasserhaltigem Obst wie Melone. Die Ernährung sollte insgesamt eher leicht sein. Und man kann überlegen, wo es in der Nähe kühle und schattige Orte gibt, um direkte Sonneneinstrahlung zu meiden. Dazu hat die Stadt ja auch eine digitale Karte veröffentlicht – eine super Idee.
Wie ist Düsseldorf aus Ihrer Sicht beim Thema Kinderschutz mit Blick auf das Klima aufgestellt?
Duckwitz Dass Düsseldorf einen Hitzeaktionsplan hat, ist sehr positiv. Es zeigt, dass die Stadt auf dem richtigen Weg ist. Wenn ich aber durch den Plan blättere, steht da ziemlich wenig über Kinder und Jugendliche drin – insgesamt geht es noch nicht so sehr um konkrete Maßnahmen. Da wünschen wir uns mehr. Wichtig ist etwa der Hitzeschutz in Kitas und Schulen. Die Rückmeldungen von Eltern und Kindern zeigen: Es gibt Handlungsbedarf, weil es häufig einfach zu heiß wird. Beim Klimaschutz dürfen die Kommunen aber auch nicht allein gelassen werden. Land und Bund müssen ihre Prioritäten noch stärker auf das Thema richten.
Wie erleben Kinder und Jugendliche Ihrer Erfahrung nach die Klimakrise?
Duckwitz Der Klimawandel ist in Familien und Medien präsent. Nicht zu Unrecht, aber doch manchmal sehr pointiert, wird er als bedrohlich dargestellt, was Lebensgrundlagen, gesellschaftliche Stabilität oder Berufschancen betrifft. Das sind Sorgen, die sich dann insbesondere Jugendliche sehr konkret machen. Kinder bekommen das Gefühl ebenfalls mit. Wir dürfen sie deshalb damit nicht alleine lassen.
Wie reagiert man richtig?
Duckwitz Das Entscheidende ist, tatsächlich darüber zu sprechen. Es hilft uns nicht, so zu tun, als gäbe es dieses Thema nicht. Gleichzeitig sollten wir über Handlungsmöglichkeiten reden. Wir können Kindern und Jugendlichen zeigen, dass Veränderung möglich ist und dass jeder etwas dazu beitragen kann.
Was ist in solchen Gesprächen wichtig?
Duckwitz Wir sollten nicht über das Ziel hinausschießen. Zu sagen „Das ist jetzt deine Verantwortung“ wäre nicht fair. Stattdessen können wir uns zum Beispiel gemeinsam als Familie fragen: Was können wir an unserer Ernährung oder Mobilität verändern? Können wir vielleicht einen Patenbaum gießen oder sonst etwas in unserem Umfeld verändern? Ich würde in jedem Fall raten, altersgerecht und offen zu kommunizieren.
Sie sind seit sieben Jahren Vorsitzender des Kinderschutzbundes Düsseldorf. Was hat Sie daran gereizt, dieses Amt zu übernehmen?
Duckwitz Der erste persönliche Kontakt ist über die räumliche Nähe entstanden: Am Sana-Krankenhaus gibt es ja schon lange eines der Familiencafés des Kinderschutzbundes. Ich hatte außerdem den Wunsch, neben dem ärztlichen Tun gesellschaftlich oder politisch tätig zu sein. Der Kinderschutzbund ist eine überparteiliche Organisation mit relativ vielen inhaltlichen Überschneidungen zu meinem Beruf. Ich hatte das Gefühl, dort einen Beitrag leisten zu können.
